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Rede zum 9. November 2025 in der Kapelle der Versöhnung

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Bettina Röder

„Die erste Nacht des Friedens“  

Sehr geehrte Damen und Herren,

als die erste Nacht des Friedens hat der Dokumentarfilmer Konrad Weiß einmal diese Nacht des 9. November 1989 bezeichnet: Die erste Nacht des Friedens nach dem Krieg. Die erste Nacht des Friedens nach zwei Diktaturen.

Es waren Augenblicke so voller Friedfertigkeit. Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme. Aber auch Freunde, Familien, die durch die Mauer getrennt waren.  

Ich stand eng umschlungen mit meinem Mann unter dem Brandenburger Tor. Wir hatten als deutsch-deutsches Paar im Ostteil der geteilten Stadt gelebt. Er, West-Berliner, der als Korrespondent fast täglich in seine Redaktion über die Grenze in den Westteil der Stadt fuhr, ich Ost-Berlinerin.

Was lag da näher als der Wunsch nach einem Foto von dieser Nacht auf der Grenze. Hier am Brandenburger Tor.  Wir trafen zufällig einen befreundeten Kollegen, der eine Kamera dabeihatte. Das Foto haben wir allerdings nie gesehen. Konnten wir auch nicht. Der Kollege hatte vor Aufregung in dieser Nacht vergessen, einen Film einzulegen. So gibt es dieses Foto nicht. Doch im Kopf und im Herzen ist es geblieben. Wie so viele Bilder dieses 9. Novembers. Die wir alle bewahrt haben.

Ganz sicher werden die meisten von Ihnen, liebe Gäste dieser Feststunde, auch davon erzählen können. Es ist ein Phänomen: Fragen Sie Menschen aus Ost oder West. Ob sie dabei waren oder nicht. Jeder und jede wird Ihnen eine Geschichte über diese Nacht erzählen.

Wenn ich hier heute vor Ihnen stehe, dann erfüllt mich aber auch ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit und Freude. Wir kommen zusammen, aus Ost und West. An diesem denkwürdigen Ort. Wo einst der Todesstreifen Menschen trennte.

Aber mit dem 9. November verbinden sich ja auch ganz andere, erschreckend beschämende Bilder: An die Nacht des 9. November 1938. Als Synagogen brannten. Menschen fremde Menschen hetzten. Sie in Todesangst versetzten. Töteten und ihre Geschäfte plünderten. Weil sie sich für etwas Besseres hielten. Für das auserwählte Volk.

Darum ist die Geschichte vor dem 9. November 1989 so wichtig. Mit dem Ruf, keine Gewalt. Mit der Forderung „für ein offenes Land mit freien Menschen“. Dabei schien bis zum 9. Oktober ’89, nur einen Monat vor dem Mauerfall, die Situation ausweglos.

Es geht um diesen Schicksalstag, als kein Mensch wusste, ob in Leipzig geschossen wird. Ich erinnere sehr genau an die gut 2.000 Menschen in der Gethsemanekirche hier in Berlin in dieser Nacht. Das Transparent „Wachet und Betet.“ über dem Eingang. Wir standen auf den Stufen, sprachen uns Mut zu. Alle schauten gebannt nach Leipzig. Wir hatten Angst, dass geschossen wird. Dann die erlösende Nachricht „Alles ist friedlich geblieben. 70.000 Menschen auf dem Leipziger Ring“.

Angela Kunze, die junge Frau, die das Fasten in der Gethsemanekirche organisiert hatte, stimmte „dona nobis pacem“ an. Gib uns Frieden. Tausend sangen mit. Zündeten Kerzen an. Liefen mit ihnen auf die Straße. Dort, im Prenzlauer Berg, hatten auch zahlreiche Bewohner schon Kerzen in den Fenstern aufgestellt.

Nach dieser Nacht war nichts mehr so, wie es vorher war.

„Der demokratische Wille“, hat der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer einmal gesagt, verdichtete sich in dem Satz „Wir sind das Volk“. Er setzte sich mit Besonnenheit, Zivilcourage und einer Gewaltlosigkeit durch, die ihresgleichen in der deutschen Geschichte sucht. 

Und das auch so ganz ohne verbale Gewalt. Wie wir sie heute bei so mancher Demonstration erleben. Die sich auf den Ruf „Wir sind das Volk“ und die Montagsdemonstrationen beruft. Hätte es diese verbale Gewalt damals gegeben, säßen wir alle nicht hier.

Die deutsche Geschichte ist nicht reich an positiven Erfahrungen. Daran, dass Menschen für ein offenes Land mit offenen Grenzen auf die Straße gingen. Zunächst in kleinen Gruppen. Und es wurden immer mehr. Dass viele aus den Kirchen kamen, sie gewaltlos blieben, war kein Zufall. Ebenso wie die Politik Gorbatschows, die Solidarność in Polen oder die Entspannungspolitik Willy Brandts. Die Deutschen brauchen einen Tag, an dem sie sich in Ost und West gemeinsam und selbstbewusst der Demokratie vergewissern.

Welcher Tag wäre dafür geeigneter, als dieser für die Maueröffnung alles entscheidende 9. Oktober 1989.

Die Erinnerung daran kann das Selbstbewusstsein und die Selbstachtung aller Deutschen stärken. Dieses Selbstbewusstsein brauchen wir dringend. Gerade in Ostdeutschland.  Am 17. Juni 1953 war der Aufstand gewaltsam verlaufen. An Panzern gescheitert. Der friedliche Protest des Oktober 1989 mündete in einem von Hunderttausenden getragenen Aufbruch in den Städten und Dörfern – von Rügen bis ins Vogtland.

Analog der Würdigung des 17. Juni muss auch der 9. Oktober gewürdigt werden. Warum wird an das eine Ereignis regelmäßig im Bundestag erinnert. An das andere nicht?

Was für ein hoffnungsvolles Zeichen. Als am 9. Oktober dieses Jahres über die Grundsteinlegung für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig berichtet wurde. Das Datum kam so in den   Nachrichtensendungen von ARD, ZDF und anderen vor.

Ein Denkmal, von der Stiftung Friedliche Revolution getragen. Menschen aus Ost und West haben diese Stiftung vor 16 Jahren in Leipzig gegründet. „Steh auf, misch Dich ein. Du kannst diese Welt ein Stück friedlicher und menschlicher machen. Wenn Du es gewaltlos tust.“ Das ist ihre Botschaft an heutige und kommende Generationen.         

Genau darum lehrt uns auch dieser 9. November:

Immer hat das so angefangen. Im Kleinen. Mit Zivilcourage im Alltag. Die aufsteht gegen neue Mauern. Gegen Unrecht und Friedlosigkeit.

Wie unzählige Menschen, die sich solidarisch erklären: mit dem Mut der Zivilgesellschaft in der Ukraine. Die Kraft, mit der sie sich dem russischen Angriffskrieg entgegenstellt. Aber auch mit der Zivilgesellschaft in Russland. Von der wir so wenig wissen.

Die sich solidarisieren mit den jungen Menschen in Georgien. Die für ein freies EU-Land zu tausenden auf die Straße gehen. Oder mit den mutigen Frauen in Belarus. Die in den Gefängnissen des Diktators verschwanden.

Und: Wie einsam muss sich Margot Käßmann gefühlt haben, als über ihr das Gewitter der Kritik hereinbrach. Nur weil sie gesagt hatte, nichts ist gut in Afghanistan. Und sie hat Recht behalten. Wie beschämend sind da die aktuellen Mauern und Grenzen. Gegen verzweifelte Afghanen, die sich für ein freies Land einsetzten und heute in Pakistan um ihr Leben bangen.    

Zivilcourgage im Alltag. Ohne die unsere Welt so viel ärmer wäre. Praktiziert wird das auch an dieser Kapelle der Versöhnung, in der wir uns befinden. Hier auf dem ehemaligen Todessteifen. Dabei ist es kein Zufall: dass Thomas Jeutner, Pfarrer und mit vielen anderen Motor von wichtigen Aktionen an diesem Ort, auch schon 1989 mitten in der Friedlichen Revolution dabei war. Aufrecht streiten er und seine Freunde auch heute für eine gerechtere Welt. Erinnern an die Toten an den neuen Mauern dieser Welt. Streiten für das Kirchenasyl.

Wie für den jungen Russen Maxim. Dem Wehrdienstverweigerer. Der nach Deutschland geflüchtet war. Er sollte abgeschoben werden. Dank des Kirchenasyls kann er hierbleiben. Unvergessen, wie der 22Jährige mit dem dunklen Lockenkopf mir im Interview diesen Satz sagte: „Ich wollte nicht töten und nicht getötet werden.“

Und hinter dieser Kirche auf dem ehemaligen Todesstreifen. Da finden Sie einen ganz besonderen Garten: Menschen aus 18 Nationen begegnen sich hier. Gärtnern gemeinsam. Jede und Jeder hat ein kleines Beet. Sie helfen einander.

Doch die Erde hier auf dem Todesstreifen war durch die Geschichte hart geworden. Ein Ort, auf dem kein Grashalm wachsen durfte.

“Erde, die durch die Geschichte verhärtet ist, braucht Visionen und Leidenschaft“, sagt der Landschaftsgärtner Bernd Schumann. Er ist maßgeblich am Garten beteiligt.  

Auch Lu, die aus China stammt, gärtnert hier. Sie sagt: „Die Berliner Mauer berührt die Welt. Ihr Ende ohne Blutvergießen. Es ist Wahnsinn, hier ein Beet zu haben. Ich bin stolz darauf.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Sie war 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking dabei.       

„Es gibt keine Gewissheit, dass die Erinnerung heilsam ist. Und aus der Geschichte gelernt wird. Es gibt keine Gewissheit, dass die Feinde der Demokratie nicht irgendwann wieder Oberhand bekommen“, hat der Filmemacher Konrad Weiß gesagt.

Und das ist es wohl: Das kostbarste Gut, das wir erkämpft haben, ist die Demokratie. Sie ist vielversprechend. Und anstrengend. Aber sie ist die einzige Garantie für eine Gesellschaft, in der jeder und jede ein Recht auf Achtung und Wahrung der Menschenwürde hat. Gleich welchen Geschlechts, welcher sozialen Herkunft oder Nationalität. Es bedarf der Wachsamkeit und der Anstrengung aller, damit wir das nicht wieder aus den Händen geben. 

Vielleicht ist das ja die eigentliche Botschaft dieses denkwürdigen 9. November.   

Ich danke Ihnen

Bettina Röder

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